Das Projekt "Der Vielfalt gerecht werden. Diversity in Ausbildung und Beruf"

Der Vielfalt gerecht werden ist ein anspruchsvolles Vorhaben, vor allem, wenn wir die heterogene Zusammensetzung der Menschen im Blick haben, die an dem Projekt teilgenommen haben: Angefangen von den Auszubildenden, Lehrer_innen, Sozialpägagog_innen, Ausbilder_innen und uns als Teamende. Aus unserer langjährigen Erfahrung insbesondere der letzten Jahren im Bereich der Diversity Pädagogik haben wir unsere Konzepte in der beruflichen Ausbildung immer wieder erweitert und verändert. Unsere Angebot für und an die entsprechenden Gruppen und Bedarfe angepasst. 

Warum eine digitale Methodensammlung?

Es war ein langer Prozess innerhalb des Bildungsteams, der dazu geführt hat, dass wir diese digitale Methodensammlung zusammengestellt haben. Zwischen 2007 und 2014 haben wir in dem EU Programm Xenos unterschiedliche Förderungen im Bereich Diversity in der beruflichen Bildung erhalten. Innerhalb dieser Jahre ist viel an Wissen und Erfahrung zusammengekommen; beides möchten wir für die praktische Bildungsarbeit zu einen diskriminierungsbewussten Diversityansatz zur Verfügung stellen. Wir haben sozusagen eine „Best of“-Auswahl von Methoden zu den verschiedenen Themen erstellt, die teilweise von uns neu entwickelt, bzw. aus anderen Übungen und Konzepten weiter entwickelt wurden. Alle Methoden sind von uns in der Praxis erprobt. 

Uns ist wichtig zu erwähnen, dass Methoden nicht immer der Zugang und die Lösung für Veränderung sind. Sie können viel bewirken, aber auch hier muss bedacht werden, dass Methoden nur ein Teil eines großen Ganzen sind. Für unabdingbar in der Arbeit zu Diversity halten wir eine Auseinandersetzung mit der eigenen professionellen Haltung und der Verstrickung in diskriminierende Strukturen. Für Veränderung innerhalb einer Organisation im Hinblick auf Diversität, so unsere Erfahrung, braucht es unbedingt auch eine strukturelle Veränderung. Daher spielte das Thema Organisationsentwicklung im Projekt einer Rolle. Diese sollte von der Leitung und vom Gesamtkollegium gestützt und getragen werden, wenn sie erfolgreich sein soll. Die dazugehörigen Prozesse können herausfordernd sein und benötigen Zeit, bieten aber zugleich vielfältige Chancen der Veränderung für alle Beteiligten. 

Vorgehen bei der Seminarvorbereitung

Im Mittelpunkt der Arbeit zu Diversity sollten die Teilnehmenden und ihre Bedarfe stehen. Es ist dementsprechend wichtig die Methoden nach dem Bedarf der jeweiligen Gruppe die Methoden einzusetzen und zusammenzustellen. Methoden sind in diesem Fall eine Hilfestellung um über komplexe Themen miteinander ins Gespräch zu kommen und in einer vereinfachten Weise von den methodischen Ansätzen einen  Transfer und eine Analyse gesellschaftlicher Bedingungen und Gegebenheit strukturell besprechen zu können. Deswegen ist zu empfehlen, die Methoden erst nach einer guten Vorbereitung und Auseinandersetzung einzusetzen. Das beinhaltet sich einen Überblick über die Themen und Methoden zu verschaffen, so dass es einen entsprechenden Zuschnitt für die Teilnehmenden gibt. Auch wenn es auf der Webseite eine Einteilung der Methoden in Einführung, Vertiefung und Abschluss gibt, ist es nicht zwingend notwendig so vorzugehen. Die Anpassung ist auch hier nach dem konkreten Setting zu beurteilen und einzusetzen. Genau so wichtig wie die Vorbereitung ist auch die Nachbereitung der Methoden, um Lernerkenntnisse daraus zu ziehen. Pädagog_innen agieren oft in einem komplexen Spannungsfeld: Es geht um das Schaffen einer produktiven und vertrauensvollen Arbeitsatmosphäre, dazu gehört Wissen zu vermitteln, die Meinungen und Positionen der Einzelnen zur Geltung kommen zu lassen, zu moderieren und vieles mehr. Gerade die Moderation gestaltet sich als eine hochsensible Rolle, die es in bestimmten Situationen verlangt sich als Pädagog_in zu positionieren, vor allem dann, wenn es sich um menschenverachtende Aussagen und Positionen oder aber verbalen Attacken gegenüber anderen handelt. Dabei sollte beachtet werden, die jeweilige Aussage zu deutlich kritisieren, nicht aber die Person, die sie geäußert hat, als solche in Frage zu stellen.

Aufbau der Webseite

Innerhalb des Projektes „Der Vielfalt gerecht werden. Diversity in Ausbildung und Beruf“ wurde pro Modulthema ein dreitägiges Seminar durchgeführt. Für die Publikation haben wir die Methoden zu den zehn Unterthemen so aufgearbeitet, dass Sie sich in Einstiegs-, Vertiefungs- und Abschlussmethoden gliedern. Auch wenn die einzelnen Themen für sich stehen, sind sie jedoch auch immer intersektional zu denken und auch zu bearbeiten. Es gibt sehr viele Schnittmengen zwischen den einzelnen Themen, die nicht losgelöst voneinander zu bearbeiten sind. Dies haben wir durch  verschiedene Icons, die für die jeweiligen Module stehen, gekennzeichnet. 

Eingeführt wird das jeweilige Thema durch wissenschaftliche Beiträge von externen Autor_innen, die sehr lesenswert sind und zum nachdenken einladen. Diese Beiträge stellen auch ein Reflexionsangebot an die pädagogisch Arbeitenden dar.

Die verschiedenen Einzelthemen können entweder über die Menüpunkte unter „Themen“ oder über das Anklicken unter dem jeweiligen Icon aufgerufen werden. Auf den Unterseiten sind jeweils die entsprechenden Methoden als herunterladbares PDF-Dokument zu finden.  Ebenso gibt es bei jedem Thema eine Übersicht der Gesamtseite, die durch die Ziele und einem Praxisbericht ergänzt wird.

Der Film "Wir lernen Diversity"

Im Rahmen des Projekts ist der Film „Wir lernen Diversity“ entstanden, der Einblicke in unsere Philosophie, unsere Ziele und unsere praktische Arbeit gibt. Mit dem Film wollen wir für ein aktives, soziales Diversity-Management in der Berufsausbildung werben. Im Mittelpunkt steht für uns dabei der Begriff der Inklusion als Einbindung aller in alle Prozesse.  Der Film eignet sich zudem gut zum Einsatz in einem Seminar um in das Thema einzuführen. 

 

Ablauf und Vorgehensweise innerhalb des Projekts 

Gemeinsam mit acht Einrichtungen der beruflichen Ausbildung führt das Bildungsteam Berlin-Brandenburg von 2012 bis 2014 das Projekt durch, das auf drei Ebenen ansetzt: 

  1. Auszubildende aus Brandenburg und Berlin entdecken die verschiedenen Aspekte von Vielfalt, erwerben Diversity-Kompetenzen und setzen ihr Wissen in ihrem Ausbildungskontext um. Die Trainings sollen für die Jugendlichen in einer globalen Arbeitswelt einen unmittelbaren Nutzen haben.
  2. Pädagogische Fachkräfte wurden fortgebildet und dazu befähigt, Diversity-Kompetenzen zu vermitteln und den Diversity-Gedanken innerhalb der Ausbildung fest zu verankern. Sie erhalten Einblicke in neuere (Diversity- und Inklusions) pädagogische Entwicklungen und bearbeiten gemeinsam Probleme aus dem Ausbildungsalltag.
  3. Berufsbildende Einrichtungen wurden im Rahmen einer Organisationsentwicklung im strategischen Umgang mit Unterschiedlichkeit unterstützt. Sie werden in die Lage versetzt, Diversity-Pädagogik und Diversity-Management dauerhaft umzusetzen, und gehen damit einen nachhaltigen Schritt in der Qualifizierung junger Menschen für das Berufsleben und für den Abbau von nichtdemokratischen, rechtsextremen und auf Ausgrenzung basierenden Einstellungen.

 

Angebote für Auszubildende

An den ersten zwei Tagen wurden grundlegende Begriffe geklärt (Vorurteile, Diskriminierung, Diversity, Demokratie, Menschenrechte). Dann konnten die Ausbildungsgruppen nach ihren Interessen vier 3-tägige Trainingseinheiten unter folgenden Themen wählen:

Bereich 1 – Vielfalt erleben, Vorurteile abbauen:
Geschlechterrollen und sexuelle Orientierung; Migration; Ost und West; Leben mit Behinderung; Religion und Weltanschauung; Vielfalt am Arbeitsplatz; Globalisierung und Soziale Gerechtigkeit; Konflikte und Toleranz

Bereich 2 – Gemeinsam gegen Diskriminierung und Ausgrenzung:
Rassismus; Antisemitismus; Antiziganismus; Rechtsextremismus

Zu jeder Trainingseinheit gehört eine Exkursion, in der die Teilnehmenden neue Orte, Personen und Handlungsmöglichkeiten kennen lernen. Eines der Trainings wird als Begegnung mit einer Gruppe aus dem jeweils anderen Bundesland (Berlin oder Brandenburg) durchgeführt.

In den Trainings werden sowohl die Interessen der Jugendlichen, als auch Anforderungen des konkreten Ausbildungsgangs (Kundenkontakt, Auslandseinsätze, etc.) berücksichtigt. Bei allen Themen werden Bezüge zu den zukünftigen Berufen hergestellt und Kompetenzen in den Bereichen Teamarbeit und Arbeitsorganisation vermittelt. Am Abschlusstag bekommen die Auszubildenden einen Teilnahme-Nachweis, in dem Umfang und Inhalte der Ausbildung vermerkt sind.

Angebote für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

In einrichtungsübergreifenden, zweitägigen Fortbildungen konnten alle Mitarbeiter_innen Hintergrundwissen zu den genannten Diversity-Themenfeldern erwerben. An Beispielen aus ihren Einrichtungen konnten sie gemeinsam Probleme untersuchen und Lösungen erarbeiten. Das Wissen um Strategien des Managing Diversity Ansatzes hat dabei unterstützt, sich aktiv in die Organisationsentwicklung an ihrer Einrichtung einzubringen. 

Darüber hinaus haben wir für pädagogische Fachkräfte Fortbildungen zu Grundlagen der Diversity- und Inklusions-Pädagogik angeboten, als auch Themen wie: Umgang mit Vielfalt in der Ausbildungsgruppe, typische Probleme im pädagogischen Alltag, Strategien zur Verminderung von Ausbildungsabbrüchen, Demokratieerziehung, Antidiskriminierungsarbeit, Argumentationstraining gegen rechts, Konstruktive Konfliktlösung.

Die genauen Themen wurden nach einer Erhebungsphase zu Projektbeginn festgelegt, mit den Leitungen der Einrichtungen abgestimmt, und während der gesamten Laufzeit weiterentwickelt.

Organisationsentwicklung

Die kooperierenden Ausbildungseinrichtungen wurden zu Beginn des Projekts in Interviews mit Mitarbeiter_innen und Leitungen die Situation erhoben. In den Einrichtungen wurden Gremien in Form von Steuerungsgruppen initiiert, die eine Diversity-Strategie entwickelt und ihre Umsetzung organisiert haben. Diese Gruppe wurde vom Bildungsteam über den gesamten Projektzeitraum begleitet und beraten. Am Ende der Laufzeit wurde gemeinsam mit der Leitung und allen Mitarbeiter_innen Bilanz gezogen und eine Empfehlung für die weitere erfolgreiche Umsetzung der Diversity-Strategie festgehalten. 

Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung in der Zivilgesellschaft

Zweimal im Jahr tagte ein Projekt-Beirat, der uns bei der Umsetzung beriet. Darin sind Unternehmen, Gewerkschaften, Industrie- und Handelskammer, Handwerkskammer und Arbeitsagenturen vertreten, aber auch gesellschaftliche Interessenverbände, staatliche Frauen- und Antidiskriminierungsbeauftragte und weitere zivilgesellschaftliche Akteure.

Im Rahmen des Projekts ist der oben stehende Film „Wir lernen Diversity“ entstanden. 

Die Fachtagung „Diversity und Inklusion in der beruflichen Bildung" im April 2014 haben sowohl theoretische als auch praktische Einblicke in dem Themenfeld und in unsere Arbeit angeboten.

Eine spannende Dokumentation dazu findet sich auf unserer Webseite.

Eine Reihe von Newslettern mit thematischen Schwerpunkten und methodischen Auseinandersetzungen  dokumentiert ebenfalls die Arbeit innerhalb des Projektes.

Zum Team

Alle im Projekt tätigen Referent_innen des Bildungsteams Berlin Brandenburg e.V. haben jahrelange Erfahrungen in der politischen Bildungsarbeit. Das Team hat sich in unterschiedlichen Bereichen fortgebildet und besitzt Ausbildungen und Kompetenzen in den Bereichen Diversity, Mediation, Demokratieerziehung (Betzavta, Achtung und Toleranz), Anti-Bias (Vorurteilsbewusste Bildung), Theater- und Spielpädagogik, Zukunftswerkstätten,und machtkritische Bildungsarbeit.

Das Team ist transkulturell und bringt dadurch die für die Arbeit notwendigen Perspektiven mit ein. Diese Vielheit erstreckt sich über die Herkunft, beispielsweise reichen die Biographien des Kollegiums  in die frühere DDR, in die Bundesrepublik und ins Ausland zurück. Im Team sind sowohl heterosexuelle, als auch homosexuelle Lebensentwürfe vertreten, Eltern und etliche weitere Merkmale, die wir als Einzelne mitbringen. Diese Heterogenität sehen wir als Ressource im Zugang zu den unterschiedlichen Hintergründen der Teilnehmenden. Sie ermöglicht es sehr unterschiedliche Perspektiven in der Vorbereitung wie in der Durchführung des Projekts von vornherein mit einzubeziehen. Unser Anliegen ist es inklusiv und intersektional in unserer Arbeit zu sein und sowohl das Individuum, als auch Strukturen im Blick zu haben. Wir sind uns darüber bewusst, das auch wir  bestimmte Leerstellen haben, die wir nicht gleich sehen oder die uns nicht immer bewusst sind und stellen uns sehr gern neuen Sichtweisen und Diskussionen. Damit sind wir auch  Lern- und Verständigungsprozessen unterworfen, die wir für unbedingt notwendig und sinnvoll erachten und in regelmäßigen Inter-und Supervisionen analysieren.

Ein herzlicher Dank gilt allen Unterstützer_innen die diese Publikation ermöglicht haben und wir wünschen eine gute Zeit beim Lesen der Publikation sowie bei der Durchführung der Methoden. Wir freuen uns über Rückmeldungen in Form von Kritik, Erfahrungen oder Hinweisen. 

Mitarbeit an der Onlinepublikation

Projektkoordination: Jenny Howald, Žaklina Mamutovič, Peter Wagenknecht

Koordination der Website: Žaklina Mamutovič

Konzeptionelle und redaktionelle Mitarbeit: Birgit Marzinka, Ingolf Seidel (Agentur für Bildung – Geschichte, Politik und Medien e.V.)

Weitere redaktionelle Unterstützung: Stefan Bommer, Angela Kalis, Iven Saadi

Layout und Programmierung: Volker Moritz, volker@kanalb.org

Lektorat: Ulf Heidel, ulf-heidel@gmx.de

Zeichnungen: Ka Schmitz, ka_schmitz@web.de

Film: Anke Heiser, Tom Weller

Foto: Christoph Löffler, ch.loe@emdash.org

Autor_innen der wissenschaftlichen Texte:
Aliyeh Yegane Arani, Dr. Heidi Behrens, Prof. Dr. Renate Bitzan, Prof. Dr. Astrid Messerschmidt, Gisela Neunhöffer, Lisa Reimann Prof. Dr. Albert Scherr, Ingo Siebert, Koray Yılmaz-Günay

Autor_innen und Mitarbeit:
Kerem Atasever, Enoka Ayemba, Cvetka Bovha, Antje Barten, Susanne Blome, Stefan Bommer, Horst Gerlich, Jenny Howald, Angela Kalis, Handan Kaymak, Susanne Lang (Mitentwicklung des Moduls Gute Arbeit), Žaklina Mamutovič, Gunnar Meyer, Tanja Michalczyk, Ewa Niedbała, Renate Pulz, Iven Saadi, Wolf van Vugt, Tatjana Volpert, Peter Wagenknecht

Wir haben uns bemüht bei allen Methoden die jeweiligen Ursprungsquellen zu benennen. Sollte dies nicht immer gelungen sein, bitten wir um eine Rückmeldung an die Adresse: buero@bildungsteam.de